Wie ernähren wir die Welt?

10.05.2017

Bis 2050 werden rund 9,7 Milliarden Menschen auf der Erde leben. Experten gehen davon aus, dass dann ca. 60% mehr Lebensmittel gebraucht werden als noch Anfang des 21. Jahrhunderts. Wie können wir in Zukunft 9 bis 10 Milliarden Menschen ernähren, ohne das Klima weiter zu belasten?

Ein Viertel der Klimagasemissionen schreibt der Weltklimarat IPCC direkt der Landwirtschaft und der veränderten Landnutzung zu. Die Rodung von Wäldern und Umwandlung von Grünland in Ackerland sind für unser Klima zunehmend problematisch. Ausserdem beansprucht die Landwirtschaft mit ihrem Weide- und Ackerland rund 40% der globalen Landoberfläche und 70% des weltweiten Wasserverbrauchs.

Weniger Armut – mehr Nahrung

Experten rechnen damit, dass 2050 rund 9,7 Milliarden Menschen auf der Erde leben werden. Bis dann werden wir rund 60% Lebensmittel mehr brauchen als zu Anfang des 21. Jahrhunderts. Dieser massive Anstieg des Bedarfs an Nahrungsmitteln basiert nicht allein auf dem Wachstum der Weltgesellschaft, sondern auch auf der erfolgreichen Bekämpfung der Armut. Menschen, die mehr Geld verdienen, wollen bessere Nahrung. Sie essen beispielsweise mehr Fleisch, Fisch, Eier und Milchprodukte. Dies erhöht den Druck auf die landwirtschaftliche Produktion und auf das Klima. Denn vor allem das Rind gilt als Klimagasproduzent, gefolgt vom Schwein und vom Huhn.

Problem Fleischproduktion

Von den ausgestossenen Klimagase gehen rund 15% auf das Konto der Fleischproduktion - gleich viel wie die weltweit ausgestossenen Treibhausgasemissionen von Autos, Flugzeugen und Zügen zusammengezählt. Und es wird tendenziell nicht weniger. «Die Menschen der Nordhemisphäre essen heute sehr viel Fleisch», bestätigt Nina Buchmann vom World Food System Center der ETH Zürich. «Eine weltweite vegetarische Ernährungsweise ist dennoch keine Lösung.» Rinder seien als Wiederkäuer optimal ans Grasland angepasst, und Grasland bedecke immerhin rund 40% der globalen Landfläche. Nina Buchmann spricht daher von Augenmass, wenn es um das Thema Welternährungssicherheit und Klimaschutz geht. Zudem müsse das ganze Ernährungssystem ins Auge gefasst werden.

Ernährung als komplexes System

«Es nützt nichts, wenn ein Familienbetrieb auf weniger als zwei Hektaren Land im Einklang mit der Natur wirtschaftet, am Ende des Monats aber kaum Geld für den Lebensunterhalt oder das Schulgeld zur Verfügung steht», meint Buchmann. Oder wenn die Produktivität gesteigert würde, dann aber grosse Teile der Lebensmittel verloren gingen. Weltweit werden zwischen 30 und 40% aller produzierten Lebensmittel weggeworfen oder gehen dem System verloren. «Die Komplexität des Ernährungssystems ist immens», so Nina Buchmann, entsprechend werden im World Food System Center verschiedene Stossrichtungen für eine nachhaltige Welternährung verfolgt. Dabei brauche es Offenheit für Altbewährtes und für Modernes. Neue Ansätze, wie beispielsweise der Einsatz von smarten Drohnen, seien zukunftsweisend. Bereits heute bringen digital gesteuerte Maschinen etwa Pflanzenschutzmittel und Dünger punktuell und nicht mehr flächendeckend aus, was insgesamt den Verbrauch und damit auch das Risiko für die Umwelt senkt.

Agrobiodiversität wichtig

Auch die Agrobiodiversität - unterschiedliche Pflanzensorten, Tierrassen und lokal angepasste Agrarsysteme - müssten berücksichtigt werden, betont Nina Buchmann. In der Agrobiodiverstität sieht auch Hans R. Herren das grösste Potenzial für ein weltweites nachhaltiges Ernährungssystem. Als Gründer von Biovision, einer Stiftung für ökologische Entwicklung, ist seine Forderung klar: «Es braucht eine Landwirtschaft, die sich nicht selber in den Fuss schiesst.» Die Industrialisierung der Landwirtschaft bis hin zur Einführung gentechnisch veränderter Sorten führt seit Beginn des 20. Jahrhunderts zu einer stark rückläufigen landwirtschaftlichen Vielfalt. In Asien wurden früher 30 000 Reissorten angebaut, heute sind es noch deren zehn. Bei den Nutztieren ist es das Gleiche: 20% der Rassen stehen vor dem Aussterben.  

Genetische Vielfalt fördern

Wenn die genetische Vielfalt versiegt, gingen auch die genetischen Ressourcen verloren, die notwendig wären, um sich auf die veränderten Umweltbedingungen einzustellen, sagt Hans R. Herren. Die Folgen einer industriell-intensiven Landwirtschaft mit gentechnisch verändertem Saatgut sind Bodenzerstörung, für Schädlinge und Krankheiten anfällige Pflanzen, grosse Einsätze von Pestiziden und Dünger und langfristig gesehen geringere Erträge. «Die grösste Herausforderung wird es sein, das Monopol der Agrarchemie, die sowohl Saatgut wie auch Pestizide produziert, zu durchbrechen», so Hans R. Herren. Gefragt sei hierfür die Politik, die den Biolandbau fördere und Forschungsprojekte in diesem Bereich vorantreibe. Und die Konsumentin, der Konsument, die bzw. der mit der richtigen Wahl die zukünftigen Produktionsbedingungen und Geschäftsmodelle mitbestimme. «Bei den Eiern beispielsweise liegt der Biomarktanteil in der Schweiz heute bei rund 25%. Warum nicht bei 80?». Beim Lebensmitteleinkauf dürfe nicht das Motto «Geiz ist geil» vorherrschen. Konsumentinnen und Konsumenten sollten bereit sein, mehr für Lebensmittel auszugeben, wenn sie dafür gesunde, nachhaltig produzierte Ware bekommen.

Lea Schwer ist Beilagenredakteurin der azmedien. Dieser Text ist leicht verändert am 29. April 2017 in der Schweiz am Sonntag erschienen. Gesprächspartner waren Prof. Dr. Nina Buchmann, Leiterin des World Food System Center der ETH Zürich und Dr. Hans R. Herren, Gründer von Biovision, der Stiftung für ökologische Entwicklung.

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